PREIS ANFRAGEN

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
  • Summer Sale - 25% Rabatt
  • schnell sein, dabei sein!
Angebote in:
Angebote noch:
Kunstvolle Handarbeit
30 Tage Rückgaberecht
Persönliche Beratung 09366 / 9823540

Kapitel 6: Die Entwicklung der charakteranalytischen Technik

In der psychoanalytischen Praxis gab es zahlreiche falsche Techniken, die es zu beseitigen galt. Das Material des Patienten wurde unmittelbar gedeutet, ohne Rücksicht auf die Tiefe oder die vorhandenen Widerstände zu nehmen. Es begann ein Spiel in der Therapie zwischen Analytiker und Patient. Entweder entwickelten sich Feindseligkeiten oder aber der Patient lieferte, was von ihm erwartet wurde und der Behandlungserfolg blieb aus. Den Patienten wurden Fristen gesetzt, ihre Widerstände aufzugeben. Bei nicht eingehaltener Frist klassifizierte man die Widerstände einfach als unüberwindlich. Die Praxis entsprach nicht der Theorie, sondern man wehrte "sexuelle und aggressive Regungen mit verkrampften, irreführenden Haltungen ab". Auch wir Analytiker waren schlussendlich Kinder unserer Zeit. Wir kannten die Theorie, wollten sie aber in der Praxis nicht erleben. 

Freuds Werk "Das Ich und das Es" erschien 1923 und war in der Praxis schwierig anzuwenden. Die klinischen Diskussionen verebbten. Neue Analytiker, welche die Struktur der Sexualtheorie nicht verinnerlicht hatten, verwendeten den Begriff der "Libido" ohne ihren wahren Inhalt, die Sexualität wurde wesenlos. Freud hatte dem Sexualtrieb (Eros) den Todestrieb (Thanatos) gegenübergestellt, die beide die lebende Substanz steuern. Auf diese Weise versuchte er, die Tendenz des Menschen zur Selbstvernichtung, kurz die Misserfolge bei den Behandlungen zu erklären. 

Zur Herstellung der orgastischen Potenz war die bloße Symptomauflösung unzureichend. Vielleicht wurde die Abstinenz aufgegeben, ein Partner gefunden, doch die orgastische Funktion blieb unerfüllt. Die sexuelle Energie musste außer in den neurotischen Symptomen noch woanders gebunden sein. Im Gegensatz zur psychoanalytischen Anschauung schloss ich aus meinen klinischen Beobachtungen, dass nur der "genitale Apparat" einen Orgasmus vermitteln und die biologische Energie wirklich voll entladen kann. Frühkindliche, prägenitale Fantasien und Betätigungen erhöhen lediglich die vegetative Spannung. Nicht eine Verschiebung der Oral- oder Analerotik, sondern nur ein Reinigen, sozusagen ein Herausschälen der genitalen Erregung, konnte demnach wirklich zur Heilung führen. 

Meine Versuche, die Widerstände der Patienten herauszukristallisieren, wiesen schlussendlich alle in die Richtung der Bedeutung des Charakters für die Genesung. Die charakterliche Panzerung zeigte sich in der Behandlung als Charakterwiderstand und stellte offenbar den Mechanismus dar, der die Energie band. Sie war es auch, welche die Psychoanalytiker selbst zur Behauptung führte, es gäbe keine Stauungsangst. Die Angst wird eben durch die Angst vor Strafe und sozialer Ächtung verursacht und ist nicht ihrerseits Ursache der Sexualverdrängung!

Die psychoanalytische Therapie sollte Widerstände aufdecken bzw. auflösen und nicht Unbewusstes direkt deuten. Die gesamte seelische Struktur stellt ein verwobenes Netz von Triebwünschen und Ichabwehrfunktionen dar. Wie der seelische Apparat geschichtet ist, erlebte ich zum ersten Mal bei einem passiv-femininen Mann, der an asketischer Impotenz, Arbeitsunfähigkeit und hysterischen Symptomen litt. Er zeigte sich sehr höflich und auch schlau. Statt das Material zu interpretieren, das er mir im Übermaß anbot, wies ich nur auf die Abwehrfunktion seiner Höflichkeit hin. Als diese abnahm, wurde er beleidigend. Die Höflichkeit hatte den darunter liegenden Hass verborgen, der sich auch in seinen Träumen zeigte. Überhöfliche Menschen sind meist die gefährlichsten und rücksichtslosesten. Mit dem Hass tauchten außerdem Angstsymptome auf. Der Hass hatte die Angst vor dem Vater abgewehrt, die den Patienten wiederum vor einer noch tieferen Schicht destruktiven Hasses schützte. Mordimpulse gegen den Vater drückten sich in Impulsen und Fantasien aus. Angst und Aggression, Abwehr und Abgewehrtes bildeten eine funktionelle Einheit. Mir gelang meine erste systematische Widerstands- und Charakteranalyse, indem ich mich Schicht für Schicht vorarbeitete, ausführlich beschrieben in meinem Buch "Charakteranalyse". 

Die Panzerschichtung eröffnete in der klinischen Arbeit viele Möglichkeiten. Die gesamte Erlebniswelt der Vergangenheit spiegelt sich in der Form der charakterlichen Haltungen in der Gegenwart wider. Historisches und Aktuelles stellen keinen Gegensatz mehr dar. Das Wesen eines Menschen kann als die funktionelle Summe aller vergangenen Erlebnisse betrachtet werden. Der Aufbau der Neurose entspricht dabei normalerweise der Entwicklung in umgekehrter Reihenfolge. Diese Schichtung war keine dem Kranken aufgezwungene künstliche Struktur, sondern wirklich vorhanden. Sie zeigte sich in der Analyse, wenn man die charakterlichen Schichtungen, vergleichbar den geologischen Schichtungen, Stück für Stück behutsam abtrug.

Wird der Panzer erschüttert, werden sofort Aggressionen frei, denn meist ist es gebundene Destruktivität, die dem Panzer die notwendige Energie liefert, um ihn aufrechtzuerhalten. Die Destruktivität selbst ist immer hinter gegensätzlichen charakterlichen Haltungen verborgen, sie ist nie frei. Zurückhaltung, Höflichkeit, falsche Bescheidenheit und andere geschätzte Tugenden überdecken sie. Diese Tugenden lähmen jedoch die Lebendigkeit im Menschen, es kommt zur Affektsperre. Lange beschäftigte mich die Frage, woher diese destruktive Kraft kam und worin ihre Funktion bestand? Erst nach Jahren wurde mir klar, dass die Destruktivität nichts anderes als die "Wut über die Versagung im Leben und den Mangel an sexueller Befriedigung" war. 

Jede destruktive Regung wich in der Tiefe einer sexuellen. Sie repräsentierte schlussendlich eine Reaktion auf den Liebesverlust. Hindernisse auf dem Weg zur Befriedigung erzeugen Hass, der aber nicht ausgelebt werden darf und deshalb in Lebensangst gebunden wird. Versagte Liebe erzeugt daher Angst. Der orgastisch unbefriedigte Mensch verwandelt sich in ein unechtes Wesen und entwickelt eine Angst vor allen lebendigen Reaktionen, somit auch vor der vegetativen Selbstwahrnehmung. Zunächst gegen die Umwelt gerichtet, lenkte sich die Destruktivität schließlich auch gegen die eigene Person in Form des Masochismus, des Wunsches nach Leiden. 

Wahre Heilung konnte nur durch die Auflösung der Charaktergrundlage der Symptome stattfinden. Es fehlte jedoch noch eine funktionelle Theorie der seelischen Struktur auf der Grundlage biologischer Tatsachen. Freuds Betrachtung der seelischen Funktion war unzureichend. Das Aufdecken unbewusster Wünsche und Konflikte zeigte nur Wirkung, wenn gleichzeitig die Genitalität wiederhergestellt wurde. Das unbewusste Strafbedürfnis erwies sich therapeutisch als völlig nutzlos. Wenn es wahrhaftig einen biologischen Trieb gäbe, krank zu bleiben, wäre eine Therapie hoffnungslos und jede Gesellschaft und Kultur zum Untergang verurteilt.

Die Charakteranalyse stellte sich vier heilende Aufgaben:
1. Die Details des menschlichen Verhaltens, auch im Geschlechtsakt, werden aufgearbeitet.
2. Menschlicher Sadismus wird aufgezeigt und bewältigt.
3. Die wichtigsten seelischen Krankheitserscheinungen werden erforscht. In welcher Weise behindert die nichtgenitale Sexualität die Genitalfunktion?
4. Soziale Ursachen der genitalen Störung werden erforscht. 

Erst Jahre später erkannte ich, dass die Todes- und Sterbensangst der Kranken mit der Orgasmusangst identisch war und im Todestrieb die unbewusste Sehnsucht nach orgastischer Spannungslösung lag. Der destruktive Impuls entwickelt sich biologisch sinnvoll, um eine Gefahr zu beseitigen. Ziel ist die Erhaltung des Ichs und die Vermeidung von Angst, nicht der Lustgewinn, wenngleich die Befreiung von Unlust dem Lusterlebnis ähnelt. Die Aggression dagegen beinhaltet lediglich ein aktives Herangehen und hat an sich nichts Zerstörerisches, sondern zeigt sich als positive Lebensäußerung des Bewegungsapparates. Ihr Ziel ist immer die Erfüllung eines lebenswichtigen Bedürfnisses. Die Aggression ist kein selbstständiger Trieb, sondern das notwendige Mittel jeder Triebregung für seine Durchsetzung. In der Kindererziehung kam es jedoch zur Aggressionsbremsung, indem der Begriff "aggressiv" mit "bösartig" und "sexuell" gleichgesetzt wurde. 

Auch wenn die Befriedigung der Sexualität versagt bleibt, bleibt dennoch der Drang bestehen. Es entwickelt sich ein stärkerer Impuls, die Lust nun mit allen Mitteln durchzusetzen. Die Aggression selbst wird zur spannungslösenden Handlung. Auf diese Weise entstehen Sadismus, Lustmord und andere destruktive Handlungen, die immer als Reaktion des Organismus auf die Versagung der lebenswichtigen, vor allem sexuellen, Bedürfnisbefriedigung zu sehen ist. In der klinischen Praxis konnte man beobachten, dass mit der Zunahme der sexuellen Befriedigung die Äußerungen von Hass abnahmen. Dazu finden sich übrigens auch Parallelen in der Tierwelt: Stiere toben, bevor sie zur Kuh gebracht werden, nach dem "Treffen" jedoch nicht mehr. Hunde an der Kette werden gefährlich, da ihre Motorik und sexuelle Entspannung gebremst sind, um nur zwei Beispiele zu nennen. Bissige alte Jungfrauen und asketische Moralisten bildeten das Gegenstück dazu in der menschlichen Gesellschaft. Demgegenüber stand die offensichtliche Milde und Güte genital befriedigbarer Menschen. 

Die Sichtweise von der sadistischen männlichen und der masochistischen weiblichen Sexualität war schlicht falsch. Starke sadistische oder destruktive Impulse sind mit der orgastischen Potenz unvereinbar. Vergewaltigungsfantasien sind nicht Teil einer normalen Sexualität. Genitale Energien, die sich durch Versagen in destruktive verwandelt haben, können aber durch die erlaubte Befriedigung wieder rückverwandelt werden. In der Praxis wurde die Therapie dadurch erschwert, dass destruktive Energien an den verschiedensten Stellen gebunden waren und oft der Verdrängung verfielen. Die Affektsperre, die Bremsungsmechanismen der Hassreaktionen mussten zuerst gefunden werden, um die Energie wieder freizulegen. 

Die frei gewordene sexuelle Energie schien dabei oft in einer Art "Oszillation", einer Schwingung der Erregung zwischen den genitalen und den prägenitalen Erregungsstellen zu wechseln. Eine junge Patientin bekam bei jedem Geschlechtsverkehr schwere asthmatische Anfälle. Sie schwankte zwischen Beiß- und Saugimpulsen und Fantasien eines im Hals steckenden Penis sowie schwerer Diarrhö auf der einen Seite und vaginalen Erregungen auf der anderen. Das Asthma der Patientin verschwand mit jedem Fortschreiten der Vaginalerregung, kehrte jedoch mit jedem Rückzug der Erregung auf die Atemorgane wieder zurück. Durch die Aufarbeitung ihrer Angst, im Geschlechtsakt verletzt zu werden, konnte die Patientin schließlich den Orgasmus erleben. 

Ich konnte das Rätsel der Triebangst ein Stück weit lösen: Durch die Bremsung der sexuellen Erregung entsteht ein ständiger Widerspruch: Die Bremsung steigert die Erregungsstauung und schwächt gleichzeitig die Fähigkeit des Organismus, sie abzubauen. Folglich baut sich eine Angst vor der Erregung auf, die Sexualangst. Aus der Sexualangst lässt sich auch die Orgasmusangst ableiten, die den Kern der Lustangst bildet (1934) und oft als Todesangst erlebt wird. Je gestörter die Erregungsfunktion ist, desto mehr nichtgenitale Fantasien zeigen sich. Man passt auf, möchte den Kopf nicht verlieren und hält den Körper ruhig und kontrolliert. 

Die psychoanalytische Grundregel "alles zu sagen, was einfällt" erwies sich meist als nicht durchführbar. Ich löste mich davon, indem ich nicht mehr nur den Inhalt, sondern auch die Art der Mitteilungen und ebenso des Schweigens als Ausgangspunkt für meine Arbeit nahm. Der Ausdruck lügt nie! Direkte Deutungen sollten vermieden werden. Stattdessen galt es, die Schichten der charakterlichen Panzerung systematisch abzutragen, indem man jeweils bei der momentan wichtigsten und störendsten Abwehr ansetzte. Zuerst musste der Panzer abgebaut werden und der Patient mit sich selbst Kontakt gewinnen, bevor er die Zusammenhänge wirklich begreifen konnte. Deutete man zu früh, bestand die Gefahr einer ausschließlich intellektuellen Auffassung, die erfahrungsgemäß kaum therapeutische Wirkung zeigte. 

Ich vermied bei meinen Patienten psychoanalytische Fachausdrücke, um keine Angriffsfläche zu bieten, Affekte hinter Worten zu verbergen. Die Patienten sollten nicht über Hass sprechen, sondern ihn fühlen. Auch die psychoanalytische Regel der Abstinenz des Kranken widerstrebte mir. Wie sollte man die Genitalstörungen eines abstinent lebenden Menschen erkennen und beheben können? Zugleich stärkte das Bild des unsichtbaren, unnahbaren Analytikers beim Patienten die Vorstellung eines sexuallosen Wesens. Ich wollte mich meinen Patienten weder autoritär noch unmenschlich präsentieren, sondern ermunterte sie dazu, ihre Scheu vor Kritik an mir zu überwinden. 

Ich selbst überwand nach einiger Zeit ebenso meine persönliche Scheu vor den Trieben und dem Handeln der Patienten und bekam Einblick in eine ungeahnte Welt. Hinter allen gefährlichen Fantasien befand sich bei jedem Patienten ein Stück einfacher, anständiger Natur. Es gab zwar die eine oder andere gefährliche Situation, jedoch nicht einen einzigen Selbstmord in meiner Praxis. Später fand ich die Ursache für die in der psychoanalytischen Praxis vorkommenden Selbstmorde in den aufgedeckten, aber nicht korrekt abgeführten sexuellen Energien. Alle asozialen Triebe waren nur gefährlich, solange die Energieabfuhr durch natürliche Liebesbetätigung gesperrt blieb. Bei Sperrung gibt es nur drei "krankhafte Auswege": Triebhaftigkeit (Alkoholismus, Sucht, Impulsivität, Verbrechen), triebgehemmte Charakterneurosen (Hysterie und Zwangsneurose) und funktionelle Psychosen (Schizophrenie, Melancholie). Mit der Fähigkeit zur vollen genitalen Hingabe veränderten die Patienten ihr Gesamtwesen grundlegend und sehr schnell. 

Meine Betrachtungsweise der seelischen Struktur prallte auf die bestehenden moralischen Forderungen und Anschauungen der gesellschaftlichen Ordnung. An die Stelle der moralischen Instanzen traten stabilere Sicherungen gegen Dissozialität, eine Selbststeuerung, die nicht den natürlichen Bedürfnissen widersprach, sondern auf den Prinzipien der Lebenslust aufbaute. 

Die gesellschaftlich-moralische Regulierung erzeugt eine Panzerung und einen neurotischen Charakter, während durch die sexualökonomische Selbststeuerung der genitale Charakter entsteht. 

In der zwangsmoralisch bestimmten Struktur ist die Arbeitsleistung krampfhaft und unlebendig. Sie dient der Abtötung des Sexualverlangens. Die moralische Struktur passt sich äußerlich den strengen Moralverstellungen an, rebelliert jedoch innerlich gegen sie, wodurch sie sehr anfällig für dissoziale Handlungen wird. Die Arbeit bereitet Unlust, wodurch die Arbeitsleistung und das damit verbundene Selbstbewusstsein sinken. Es kommt zu kompensierenden neurotischen Fantasien.

Bei der sexualökonomischen Arbeitsleistung pendelt die biologische Energie zwischen Arbeit und Liebesbetätigung. Sexualität und Arbeit stellen keine Gegensätze dar, sondern unterstützen sich und stärken das Selbstbewusstsein. Konzentration und das Gefühl von Potenz und Hingabefähigkeit zeichnen den jeweiligen Interessensschwerpunkt aus. Diese Struktur wird durch Selbststeuerung bestimmt. Der neurotische Moralist hält sie für krank und dissozial. In Wirklichkeit ist diese selbstgesteuerte Struktur unfähig, dissoziales Verhalten zu erzeugen. Warum nun sind die künstlichen Gegensätze von Kultur und Natur, Trieb und Moral, Körper und Geist und Arbeit und Liebe so stark in unserer Gesellschaft verankert? Um in dieser Welt zu überleben, musste das Ureigenste in sich selbst bekämpft werden. Es drängte sich mir die Vorstellung von der Einheitlichkeit von gesellschaftlicher und charakterlicher Struktur auf. 

Weiterlesen

In der psychoanalytischen Praxis gab es zahlreiche falsche Techniken, die es zu beseitigen galt. Das Material des Patienten wurde unmittelbar gedeutet, ohne Rücksicht auf die Tiefe oder die... mehr erfahren »
Fenster schließen
Kapitel 6: Die Entwicklung der charakteranalytischen Technik

In der psychoanalytischen Praxis gab es zahlreiche falsche Techniken, die es zu beseitigen galt. Das Material des Patienten wurde unmittelbar gedeutet, ohne Rücksicht auf die Tiefe oder die vorhandenen Widerstände zu nehmen. Es begann ein Spiel in der Therapie zwischen Analytiker und Patient. Entweder entwickelten sich Feindseligkeiten oder aber der Patient lieferte, was von ihm erwartet wurde und der Behandlungserfolg blieb aus. Den Patienten wurden Fristen gesetzt, ihre Widerstände aufzugeben. Bei nicht eingehaltener Frist klassifizierte man die Widerstände einfach als unüberwindlich. Die Praxis entsprach nicht der Theorie, sondern man wehrte "sexuelle und aggressive Regungen mit verkrampften, irreführenden Haltungen ab". Auch wir Analytiker waren schlussendlich Kinder unserer Zeit. Wir kannten die Theorie, wollten sie aber in der Praxis nicht erleben. 

Freuds Werk "Das Ich und das Es" erschien 1923 und war in der Praxis schwierig anzuwenden. Die klinischen Diskussionen verebbten. Neue Analytiker, welche die Struktur der Sexualtheorie nicht verinnerlicht hatten, verwendeten den Begriff der "Libido" ohne ihren wahren Inhalt, die Sexualität wurde wesenlos. Freud hatte dem Sexualtrieb (Eros) den Todestrieb (Thanatos) gegenübergestellt, die beide die lebende Substanz steuern. Auf diese Weise versuchte er, die Tendenz des Menschen zur Selbstvernichtung, kurz die Misserfolge bei den Behandlungen zu erklären. 

Zur Herstellung der orgastischen Potenz war die bloße Symptomauflösung unzureichend. Vielleicht wurde die Abstinenz aufgegeben, ein Partner gefunden, doch die orgastische Funktion blieb unerfüllt. Die sexuelle Energie musste außer in den neurotischen Symptomen noch woanders gebunden sein. Im Gegensatz zur psychoanalytischen Anschauung schloss ich aus meinen klinischen Beobachtungen, dass nur der "genitale Apparat" einen Orgasmus vermitteln und die biologische Energie wirklich voll entladen kann. Frühkindliche, prägenitale Fantasien und Betätigungen erhöhen lediglich die vegetative Spannung. Nicht eine Verschiebung der Oral- oder Analerotik, sondern nur ein Reinigen, sozusagen ein Herausschälen der genitalen Erregung, konnte demnach wirklich zur Heilung führen. 

Meine Versuche, die Widerstände der Patienten herauszukristallisieren, wiesen schlussendlich alle in die Richtung der Bedeutung des Charakters für die Genesung. Die charakterliche Panzerung zeigte sich in der Behandlung als Charakterwiderstand und stellte offenbar den Mechanismus dar, der die Energie band. Sie war es auch, welche die Psychoanalytiker selbst zur Behauptung führte, es gäbe keine Stauungsangst. Die Angst wird eben durch die Angst vor Strafe und sozialer Ächtung verursacht und ist nicht ihrerseits Ursache der Sexualverdrängung!

Die psychoanalytische Therapie sollte Widerstände aufdecken bzw. auflösen und nicht Unbewusstes direkt deuten. Die gesamte seelische Struktur stellt ein verwobenes Netz von Triebwünschen und Ichabwehrfunktionen dar. Wie der seelische Apparat geschichtet ist, erlebte ich zum ersten Mal bei einem passiv-femininen Mann, der an asketischer Impotenz, Arbeitsunfähigkeit und hysterischen Symptomen litt. Er zeigte sich sehr höflich und auch schlau. Statt das Material zu interpretieren, das er mir im Übermaß anbot, wies ich nur auf die Abwehrfunktion seiner Höflichkeit hin. Als diese abnahm, wurde er beleidigend. Die Höflichkeit hatte den darunter liegenden Hass verborgen, der sich auch in seinen Träumen zeigte. Überhöfliche Menschen sind meist die gefährlichsten und rücksichtslosesten. Mit dem Hass tauchten außerdem Angstsymptome auf. Der Hass hatte die Angst vor dem Vater abgewehrt, die den Patienten wiederum vor einer noch tieferen Schicht destruktiven Hasses schützte. Mordimpulse gegen den Vater drückten sich in Impulsen und Fantasien aus. Angst und Aggression, Abwehr und Abgewehrtes bildeten eine funktionelle Einheit. Mir gelang meine erste systematische Widerstands- und Charakteranalyse, indem ich mich Schicht für Schicht vorarbeitete, ausführlich beschrieben in meinem Buch "Charakteranalyse". 

Die Panzerschichtung eröffnete in der klinischen Arbeit viele Möglichkeiten. Die gesamte Erlebniswelt der Vergangenheit spiegelt sich in der Form der charakterlichen Haltungen in der Gegenwart wider. Historisches und Aktuelles stellen keinen Gegensatz mehr dar. Das Wesen eines Menschen kann als die funktionelle Summe aller vergangenen Erlebnisse betrachtet werden. Der Aufbau der Neurose entspricht dabei normalerweise der Entwicklung in umgekehrter Reihenfolge. Diese Schichtung war keine dem Kranken aufgezwungene künstliche Struktur, sondern wirklich vorhanden. Sie zeigte sich in der Analyse, wenn man die charakterlichen Schichtungen, vergleichbar den geologischen Schichtungen, Stück für Stück behutsam abtrug.

Wird der Panzer erschüttert, werden sofort Aggressionen frei, denn meist ist es gebundene Destruktivität, die dem Panzer die notwendige Energie liefert, um ihn aufrechtzuerhalten. Die Destruktivität selbst ist immer hinter gegensätzlichen charakterlichen Haltungen verborgen, sie ist nie frei. Zurückhaltung, Höflichkeit, falsche Bescheidenheit und andere geschätzte Tugenden überdecken sie. Diese Tugenden lähmen jedoch die Lebendigkeit im Menschen, es kommt zur Affektsperre. Lange beschäftigte mich die Frage, woher diese destruktive Kraft kam und worin ihre Funktion bestand? Erst nach Jahren wurde mir klar, dass die Destruktivität nichts anderes als die "Wut über die Versagung im Leben und den Mangel an sexueller Befriedigung" war. 

Jede destruktive Regung wich in der Tiefe einer sexuellen. Sie repräsentierte schlussendlich eine Reaktion auf den Liebesverlust. Hindernisse auf dem Weg zur Befriedigung erzeugen Hass, der aber nicht ausgelebt werden darf und deshalb in Lebensangst gebunden wird. Versagte Liebe erzeugt daher Angst. Der orgastisch unbefriedigte Mensch verwandelt sich in ein unechtes Wesen und entwickelt eine Angst vor allen lebendigen Reaktionen, somit auch vor der vegetativen Selbstwahrnehmung. Zunächst gegen die Umwelt gerichtet, lenkte sich die Destruktivität schließlich auch gegen die eigene Person in Form des Masochismus, des Wunsches nach Leiden. 

Wahre Heilung konnte nur durch die Auflösung der Charaktergrundlage der Symptome stattfinden. Es fehlte jedoch noch eine funktionelle Theorie der seelischen Struktur auf der Grundlage biologischer Tatsachen. Freuds Betrachtung der seelischen Funktion war unzureichend. Das Aufdecken unbewusster Wünsche und Konflikte zeigte nur Wirkung, wenn gleichzeitig die Genitalität wiederhergestellt wurde. Das unbewusste Strafbedürfnis erwies sich therapeutisch als völlig nutzlos. Wenn es wahrhaftig einen biologischen Trieb gäbe, krank zu bleiben, wäre eine Therapie hoffnungslos und jede Gesellschaft und Kultur zum Untergang verurteilt.

Die Charakteranalyse stellte sich vier heilende Aufgaben:
1. Die Details des menschlichen Verhaltens, auch im Geschlechtsakt, werden aufgearbeitet.
2. Menschlicher Sadismus wird aufgezeigt und bewältigt.
3. Die wichtigsten seelischen Krankheitserscheinungen werden erforscht. In welcher Weise behindert die nichtgenitale Sexualität die Genitalfunktion?
4. Soziale Ursachen der genitalen Störung werden erforscht. 

Erst Jahre später erkannte ich, dass die Todes- und Sterbensangst der Kranken mit der Orgasmusangst identisch war und im Todestrieb die unbewusste Sehnsucht nach orgastischer Spannungslösung lag. Der destruktive Impuls entwickelt sich biologisch sinnvoll, um eine Gefahr zu beseitigen. Ziel ist die Erhaltung des Ichs und die Vermeidung von Angst, nicht der Lustgewinn, wenngleich die Befreiung von Unlust dem Lusterlebnis ähnelt. Die Aggression dagegen beinhaltet lediglich ein aktives Herangehen und hat an sich nichts Zerstörerisches, sondern zeigt sich als positive Lebensäußerung des Bewegungsapparates. Ihr Ziel ist immer die Erfüllung eines lebenswichtigen Bedürfnisses. Die Aggression ist kein selbstständiger Trieb, sondern das notwendige Mittel jeder Triebregung für seine Durchsetzung. In der Kindererziehung kam es jedoch zur Aggressionsbremsung, indem der Begriff "aggressiv" mit "bösartig" und "sexuell" gleichgesetzt wurde. 

Auch wenn die Befriedigung der Sexualität versagt bleibt, bleibt dennoch der Drang bestehen. Es entwickelt sich ein stärkerer Impuls, die Lust nun mit allen Mitteln durchzusetzen. Die Aggression selbst wird zur spannungslösenden Handlung. Auf diese Weise entstehen Sadismus, Lustmord und andere destruktive Handlungen, die immer als Reaktion des Organismus auf die Versagung der lebenswichtigen, vor allem sexuellen, Bedürfnisbefriedigung zu sehen ist. In der klinischen Praxis konnte man beobachten, dass mit der Zunahme der sexuellen Befriedigung die Äußerungen von Hass abnahmen. Dazu finden sich übrigens auch Parallelen in der Tierwelt: Stiere toben, bevor sie zur Kuh gebracht werden, nach dem "Treffen" jedoch nicht mehr. Hunde an der Kette werden gefährlich, da ihre Motorik und sexuelle Entspannung gebremst sind, um nur zwei Beispiele zu nennen. Bissige alte Jungfrauen und asketische Moralisten bildeten das Gegenstück dazu in der menschlichen Gesellschaft. Demgegenüber stand die offensichtliche Milde und Güte genital befriedigbarer Menschen. 

Die Sichtweise von der sadistischen männlichen und der masochistischen weiblichen Sexualität war schlicht falsch. Starke sadistische oder destruktive Impulse sind mit der orgastischen Potenz unvereinbar. Vergewaltigungsfantasien sind nicht Teil einer normalen Sexualität. Genitale Energien, die sich durch Versagen in destruktive verwandelt haben, können aber durch die erlaubte Befriedigung wieder rückverwandelt werden. In der Praxis wurde die Therapie dadurch erschwert, dass destruktive Energien an den verschiedensten Stellen gebunden waren und oft der Verdrängung verfielen. Die Affektsperre, die Bremsungsmechanismen der Hassreaktionen mussten zuerst gefunden werden, um die Energie wieder freizulegen. 

Die frei gewordene sexuelle Energie schien dabei oft in einer Art "Oszillation", einer Schwingung der Erregung zwischen den genitalen und den prägenitalen Erregungsstellen zu wechseln. Eine junge Patientin bekam bei jedem Geschlechtsverkehr schwere asthmatische Anfälle. Sie schwankte zwischen Beiß- und Saugimpulsen und Fantasien eines im Hals steckenden Penis sowie schwerer Diarrhö auf der einen Seite und vaginalen Erregungen auf der anderen. Das Asthma der Patientin verschwand mit jedem Fortschreiten der Vaginalerregung, kehrte jedoch mit jedem Rückzug der Erregung auf die Atemorgane wieder zurück. Durch die Aufarbeitung ihrer Angst, im Geschlechtsakt verletzt zu werden, konnte die Patientin schließlich den Orgasmus erleben. 

Ich konnte das Rätsel der Triebangst ein Stück weit lösen: Durch die Bremsung der sexuellen Erregung entsteht ein ständiger Widerspruch: Die Bremsung steigert die Erregungsstauung und schwächt gleichzeitig die Fähigkeit des Organismus, sie abzubauen. Folglich baut sich eine Angst vor der Erregung auf, die Sexualangst. Aus der Sexualangst lässt sich auch die Orgasmusangst ableiten, die den Kern der Lustangst bildet (1934) und oft als Todesangst erlebt wird. Je gestörter die Erregungsfunktion ist, desto mehr nichtgenitale Fantasien zeigen sich. Man passt auf, möchte den Kopf nicht verlieren und hält den Körper ruhig und kontrolliert. 

Die psychoanalytische Grundregel "alles zu sagen, was einfällt" erwies sich meist als nicht durchführbar. Ich löste mich davon, indem ich nicht mehr nur den Inhalt, sondern auch die Art der Mitteilungen und ebenso des Schweigens als Ausgangspunkt für meine Arbeit nahm. Der Ausdruck lügt nie! Direkte Deutungen sollten vermieden werden. Stattdessen galt es, die Schichten der charakterlichen Panzerung systematisch abzutragen, indem man jeweils bei der momentan wichtigsten und störendsten Abwehr ansetzte. Zuerst musste der Panzer abgebaut werden und der Patient mit sich selbst Kontakt gewinnen, bevor er die Zusammenhänge wirklich begreifen konnte. Deutete man zu früh, bestand die Gefahr einer ausschließlich intellektuellen Auffassung, die erfahrungsgemäß kaum therapeutische Wirkung zeigte. 

Ich vermied bei meinen Patienten psychoanalytische Fachausdrücke, um keine Angriffsfläche zu bieten, Affekte hinter Worten zu verbergen. Die Patienten sollten nicht über Hass sprechen, sondern ihn fühlen. Auch die psychoanalytische Regel der Abstinenz des Kranken widerstrebte mir. Wie sollte man die Genitalstörungen eines abstinent lebenden Menschen erkennen und beheben können? Zugleich stärkte das Bild des unsichtbaren, unnahbaren Analytikers beim Patienten die Vorstellung eines sexuallosen Wesens. Ich wollte mich meinen Patienten weder autoritär noch unmenschlich präsentieren, sondern ermunterte sie dazu, ihre Scheu vor Kritik an mir zu überwinden. 

Ich selbst überwand nach einiger Zeit ebenso meine persönliche Scheu vor den Trieben und dem Handeln der Patienten und bekam Einblick in eine ungeahnte Welt. Hinter allen gefährlichen Fantasien befand sich bei jedem Patienten ein Stück einfacher, anständiger Natur. Es gab zwar die eine oder andere gefährliche Situation, jedoch nicht einen einzigen Selbstmord in meiner Praxis. Später fand ich die Ursache für die in der psychoanalytischen Praxis vorkommenden Selbstmorde in den aufgedeckten, aber nicht korrekt abgeführten sexuellen Energien. Alle asozialen Triebe waren nur gefährlich, solange die Energieabfuhr durch natürliche Liebesbetätigung gesperrt blieb. Bei Sperrung gibt es nur drei "krankhafte Auswege": Triebhaftigkeit (Alkoholismus, Sucht, Impulsivität, Verbrechen), triebgehemmte Charakterneurosen (Hysterie und Zwangsneurose) und funktionelle Psychosen (Schizophrenie, Melancholie). Mit der Fähigkeit zur vollen genitalen Hingabe veränderten die Patienten ihr Gesamtwesen grundlegend und sehr schnell. 

Meine Betrachtungsweise der seelischen Struktur prallte auf die bestehenden moralischen Forderungen und Anschauungen der gesellschaftlichen Ordnung. An die Stelle der moralischen Instanzen traten stabilere Sicherungen gegen Dissozialität, eine Selbststeuerung, die nicht den natürlichen Bedürfnissen widersprach, sondern auf den Prinzipien der Lebenslust aufbaute. 

Die gesellschaftlich-moralische Regulierung erzeugt eine Panzerung und einen neurotischen Charakter, während durch die sexualökonomische Selbststeuerung der genitale Charakter entsteht. 

In der zwangsmoralisch bestimmten Struktur ist die Arbeitsleistung krampfhaft und unlebendig. Sie dient der Abtötung des Sexualverlangens. Die moralische Struktur passt sich äußerlich den strengen Moralverstellungen an, rebelliert jedoch innerlich gegen sie, wodurch sie sehr anfällig für dissoziale Handlungen wird. Die Arbeit bereitet Unlust, wodurch die Arbeitsleistung und das damit verbundene Selbstbewusstsein sinken. Es kommt zu kompensierenden neurotischen Fantasien.

Bei der sexualökonomischen Arbeitsleistung pendelt die biologische Energie zwischen Arbeit und Liebesbetätigung. Sexualität und Arbeit stellen keine Gegensätze dar, sondern unterstützen sich und stärken das Selbstbewusstsein. Konzentration und das Gefühl von Potenz und Hingabefähigkeit zeichnen den jeweiligen Interessensschwerpunkt aus. Diese Struktur wird durch Selbststeuerung bestimmt. Der neurotische Moralist hält sie für krank und dissozial. In Wirklichkeit ist diese selbstgesteuerte Struktur unfähig, dissoziales Verhalten zu erzeugen. Warum nun sind die künstlichen Gegensätze von Kultur und Natur, Trieb und Moral, Körper und Geist und Arbeit und Liebe so stark in unserer Gesellschaft verankert? Um in dieser Welt zu überleben, musste das Ureigenste in sich selbst bekämpft werden. Es drängte sich mir die Vorstellung von der Einheitlichkeit von gesellschaftlicher und charakterlicher Struktur auf. 

Weiterlesen

Für die Filterung wurden keine Ergebnisse gefunden!
Zuletzt angesehen