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Kapitel 7: Eine missglückte biologische Revolution

Nachdem ich in einer Zeitschrift einen Beitrag über die Sexualaufklärung publiziert hatte, tauchten Gerüchte auf, dass ich mit meinen Patienten Sexualverkehr hätte und meine Kinder beim Beischlaf zuschauen ließe. Es zeigten sich die typischen Reaktionen sexuell verunglückter Menschen auf den Kampf Gesunder um Liebesglück. Keine einzige Organisation vertrat das natürliche Lebensglück. Ich war sehr bemüht, die Diskussion von der persönlichen auf eine sachliche Ebene zu heben. Tausende Menschen kamen in meine Versammlungen, um Antworten auf ihre sozial-sexuellen Fragen zu erhalten: 

Wie oft darf man geschlechtlich verkehren? Ist Onanie schädlich? Bricht bei der Einführung der sexuellen Freiheit nicht ein Chaos aus? Warum ist das Sexuelle verboten? Was soll ich tun, wenn ich keine Lust auf den Geschlechtsakt habe? Mein drei Jahre altes Kind spielt immer mit dem Glied. Ist das schlimm? etc. ...

In der Bevölkerung waren etwa 60 bis 80 % schwer neurotisch erkrankt. Diese Zahlen forderten umfassende gesellschaftliche Maßnahmen zur Neurosenverhütung. Folgende Fragen verlangten nach einer Antwort:

Wohin wird die psychoanalytische Theorie und Therapie am Ende führen?
Kann man noch länger bei den Neurosen einzelner Menschen stehen bleiben, wenn sich die gesamte Menschheit als seelisch krank erweist?
Welchen Platz muss die psychoanalytische Bewegung im gesellschaftlichen Getriebe einnehmen - Stichwort seelische bzw. sexuelle Ökonomie?
Und schließlich die Frage nach dem "Warum?": Weshalb produziert die Gesellschaft diese Neurosenmasse?

Die Beseitigung der Massenneurose konnte nur durch die Zerstörung der Ursachen erreicht werden. Worin lagen nun die Quellen dieser Seuche? Vordergründig waren sie in der autoritären, sexualverdrängenden Familienerziehung zu finden. Diese Art der Erziehung hatte unabwendbar einen sexuellen Kind-Eltern Konflikt sowie die Genitalangst zur Folge. Die elterliche Unterdrückung der kindlichen und jugendlichen Sexualität geschah jedoch unbewusst und im Auftrage der mechanisierten, autoritären Gesellschaft. Den Kindern wird der Weg zu einer gesunden Lebenstätigkeit durch Askese und teilweise reduzierte Arbeitstätigkeit versperrt. Gleichzeitig ist ihre Bindung an die Eltern durch Schuldgefühl und Hilflosigkeit geprägt. Auf diese Weise erzogen, reproduzieren die Kinder die seelischen Erkrankungen wiederum in den eigenen Kindern. So pflanzen sich die kranken Muster von Generation zu Generation fort. 

Für die Produktion der Massenneurose waren mehrere Hauptetappen ausschlaggebend. In der frühen Kindheit prägten die verfrühte Reinlichkeitserziehung und die stille Wohlerzogenheit die kindliche Entwicklung. Die "Artigkeit" dieser Phase war die Vorbereitung für das Onanieverbot der Pubertät. Das Problem der Pubertät ist gesellschaftlich und nicht biologisch begründet und wird auch nicht durch den kindlichen Elternkonflikt ausgelöst. Die Askeseforderung sollte die Jugendlichen ehefähig machen. Erreicht wurde genau das Gegenteil. Die "anerzogene" sexuelle Impotenz zerstörte die Ehen. Sexuelle Vollwertigkeit wirkt sich dagegen positiv auf eine glückliche Gestaltung der Ehe aus. In der Ehe vermischen sich sexuelle und wirtschaftliche Bedürfnisse. Diese Bedürfnisse bilden oftmals einen Widerspruch und können nur befristet von einem Partner befriedigt werden. 

Pubertät ist vordergründig Sexualreifung und nichts anderes. Die von ästhetischen Psychologen formulierte "Kulturpubertät" halte ich für Geschwätz. In der Jugend wird die nächste Stufe der Zivilisation angestrebt. Deshalb kommt es zum notwendigen Konflikt mit der Elterngeneration, die am Bestehenden festhalten möchte, auch aus Resignation über die eigenen nicht erfüllten Ziele. 

Man warf mir vor, eine Utopie schaffen zu wollen, die nur die Lust im Sinne hatte. Das ist unrichtig. Die Fähigkeit, Glück annehmen zu können und die Fähigkeit, Unlust und Schmerz zu ertragen, ohne in die Erstarrung zu flüchten, gehören zusammen. Lust und Lebensfreude sind ohne Kampf und ohne schmerzhafte Erfahrungen nicht denkbar. 

Es liegt nicht direkt in der Absicht der geschlechtlichen Unordnung, seelisches Elend zu verursachen, doch beides ist untrennbar miteinander verbunden. Die Zwangsfamilie und die Zwangsehe bilden die menschliche Struktur des seelisch und wirtschaftlich mechanisierten Zeitalters. Vom sexualhygienischen Standpunkt aus betrachtet ist diese Ordnung grundfalsch. Biologisch gesehen benötigt ein gesunder menschlicher Organismus 3.000 bis 4.000 Geschlechtsakte im Laufe seines Lebens. Aufgrund des geforderten moralischen Asketentums entstehen Sexualstörungen und Schwängerungsängste. Der Koitus interruptus als Methode der Schwangerschaftsverhütung erzeugt Nervosität und sexuelle Stauungen. 

Zusätzlich erschwert die Wohnungsnot die Möglichkeiten einer physiologisch korrekten Befriedigung. Erst wenn den Menschen keine Existenzsorgen plagen, wird er die Lust genießen können. Den Neurosen ernsthaft vorzubeugen, würde daher eine radikale Umgestaltung von allem bedeuten, was die Neurosen erzeugt. Darin begründet sich die Vermeidung der Diskussion einer Neurosenprophylaxe. Niemand wollte diese Tatsachen hören und ebenso niemand konnte sie leugnen. In der Psychoanalyse beschritt man den versöhnlichen Weg der Sublimierungs- und Triebverzichtstheorie. Man nahm die Stauungsangsttheorie zurück, ließ die Lehre des Todestriebes aufblühen und sprach von der normalen Entwicklung beim Menschen vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip. 

Damals herrschte die Meinung, dass sich die Wissenschaft mit dem "Sein" und die Politik mit dem "Soll" beschäftigen, eine Vermischung war unerwünscht. Wissenschaftliche Feststellungen durften keine Ziele vorgeben. Jede politische Richtung konnte damit anfangen, was sie wollte. Darin liegt der Irrtum, denn in Wirklichkeit liegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen weltanschauliche Voraussetzungen zugrunde. Jede neue wissenschaftliche Formulierung hat auch praktisch-soziale Konsequenzen. Deswegen ist die praktische Fragestellung von so großer Bedeutung. Der große Spalt zwischen abstrakt-logischem und funktionell-naturwissenschaftlichem Denken wurde zu jener Zeit offensichtlich. 

Ich wehrte mich gegen Freuds unpolitischen Standpunkt. Es müsste doch das Ziel einer praktischen Volkspolitik sein, den Arbeitsprozess zu demokratisieren und für kulturelles und sexuelles Lebensglück zu sorgen. Betrachtet man Romane, Dichtungen, Filme, etc., scheint sich alles um das Sexuelle zu drehen, von der realen Verleugnung bis zur ideellen Bejahung. Die gesamte Menschheit träumte offensichtlich vom Liebesglück, warum sollte man diesen Lebenstraum nicht erfüllen können? Freud resignierte zu diesem Thema. Seiner Meinung nach war das Glück des Menschen nicht im Schöpfungsplan enthalten. Es zeigte sich als plötzliche Befriedigung aufgestauter Bedürfnisse und konnte naturgemäß nur ein episodisches Phänomen darstellen. Es war leichter, zu behaupten, die Erreichung des Glücks widerspräche den gesellschaftlichen Einrichtungen, als die Glück zerstörenden Einrichtungen selbst zu kritisieren. Außerdem hätte Freud auch die Lehren von Todestrieb und Wiederholungszwang aufgeben müssen. Er schien seinen eigenen Widerspruch jedoch zu fühlen und antwortete mir einmal, dass ich entweder unrecht hätte oder bald das schwere Los der Psychoanalyse alleine tragen werde. Ich hatte recht und es traf so ein, wie er es vorhergesagt hatte. 

In der analytischen Pädagogik und Therapie bemühte man sich, die verdrängten Sexualtriebe aufzudecken. Doch die Frage stellte sich, was mit den befreiten Trieben geschehen sollte. Die analytische Antwort bestand darin, die Triebe zu verurteilen und zu sublimieren. Aber was passiert mit der natürlichen, befreiten Genitalität? Sollte sie auch verdrängt werden? Freud hatte in seiner ärztlichen Praxis die Menschen als unzuverlässige, bösartige Wesen erlebt. Er lebte schließlich abgeschlossen von der Welt und hatte sich eine gewisse skeptische, verachtende Sichtweise des Menschen angeeignet. Wissenschaftliche Erkenntnisse bedeuteten ihm mehr als das menschliche Glück. Er baute darauf, das menschliche Leiden zu verringern, indem man die Triebregungen beherrscht, sie im extremsten Fall sogar abtötet. 

Für mich stand jedoch fest, dass "die Lebens- und Lustsehnsucht des Menschen nicht zu bändigen war". Hingegen konnte man die gesellschaftliche Unordnung des Sexuallebens beseitigen. Ich erkannte das Böse und Unsoziale im Menschen als neurotischen Mechanismus. Die Menschen waren aufgrund ihrer Lebensumstände so geworden und konnten auch anders sein. Es war notwendig, die natürlichen Glücksbedürfnisse von den durch die Zwangserziehung erzeugten, asozialen Antrieben zu unterscheiden. Diese sogenannten sekundären Triebe mussten moralisch gebremst werden, die natürlichen Lustbedürfnisse sollten jedoch frei ausgelebt werden können. 

Zuerst galt es, das biologische Wesen des Glücksstrebens zu erfassen und danach dessen soziale Durchführbarkeit zu ergründen. Das Leben spielt sich immer unter definierten sozialen und natürlichen Voraussetzungen ab. Die Sexualpolitik stellte den Kern der Kulturpolitik dar und musste von flachen sexualreformerischen Bestrebungen und pornografischer Mentalität gereinigt werden. In der Gesellschaft präsentierte sich die Sexualversagung als erforderlicher Bestandteil der Kulturbildung. Aus meiner klinischen Praxis heraus war ich hingegen überzeugt, dass der sexuell vollwertige Mensch auch kulturell produktiver ist. 

Mir wurde klar, dass die Unterdrückung kindlicher und jugendlicher Sexualität den Eltern die autoritäre Haltung gegenüber ihren Kindern erleichtern sollte. Wenn die sexualfeindliche Strukturbildung das eigentliche unbewusste Ziel der Pädagogik darstellte, konnte die analytische Pädagogik nicht mehr ohne die Festlegung der gesellschaftlichen Erziehungsziele diskutiert werden. Die Erziehung arbeitet zugunsten der jeweiligen gesellschaftlichen Ordnung. Widerspricht diese Ordnung den kindlichen Interessen, wird das Wohl des Kindes als Erziehungsziel den gesellschaftlich-politischen Interessen geopfert. Die Erziehung wird sich selbst untreu oder täuscht nur vor, das Wohl des Kindes zu vertreten. 

Es ist weitaus schwieriger gegen die Neurosenseuche als gegen die Pest anzukämpfen, da bei der Pest weder Profit- noch Gefühlsinteressen verletzt wurden. Sich auf mangelnde, materielle Mittel zu berufen, ist eine Ausrede. Mit der Summe, die in einer Kriegswoche verschleudert wird, könnte man die hygienischen Bedürfnisse von Millionen befriedigen. 

Malinowsky beschrieb 1929 in seinem Hauptwerk " Das Geschlechtsleben der Wilden" die gesellschaftliche und nicht biologische Herkunft der Sexualverdrängung. Seine ethnosoziologischen Studien führten ihn zu den Trobriandern in den Südseeinseln. Dort bestimmte der Bruder der Mutter die Erziehung und der Vater nahm gegenüber seinen Kindern eine rein freundschaftliche Position ein. In dieser Sippe existierten weder Ödipuskomplex noch Sexualverdrängung oder Sexualgeheimnis. Die Sexualität konnte sich durch alle Lebensstufen frei und vollständig entfalten. Trotzdem oder besser ausgedrückt genau deswegen gab es in dieser Gemeinschaft keine sexuellen Perversionen, keine funktionellen Geisteskrankheiten und keine Psychoneurosen. In der Sprache fand sich nicht einmal ein Wort für Diebstahl. Onanie und Homosexualität wurden als unvollkommene Mittel der sexuellen Befriedigung betrachtet. Die gesellschaftliche Form des Geschlechtslebens war die zwanglose, freiwillige Einehe, welche jederzeit ohne Probleme aufgelöst werden konnte. 

Nur einige Meilen von den Trobrianderinseln entfernt lebte ein Volk mit patriarchalem Familiensystem. Diese Menschen zeigten alle europäisch vertrauten neurotischen Züge: Angst, Misstrauen, Selbstmorde und Perversionen, um nur einige zu nennen. Am Stand des natürlichen Liebeslebens lässt sich direkt die Mentalhygiene der Bevölkerung ablesen. Jugendliche mit einer natürlichen sexuellen Entwicklung wiesen zwischen dem sechsten und dem zwölften Lebensjahr keine Latenzzeit auf. Für diese Behauptung war ich von den Analytikern angegriffen worden. Nun lieferten die Trobrianderkinder den Beweis dafür. Die Latenzzeit war keine biologische Tatsache, sondern ein kulturelles Kunstprodukt.

Entgegen der vorherrschenden psychoanalytischen Meinung stellte die Sexualverdrängung nicht die Voraussetzung für Sozialität und kulturelle Anpassung dar, sondern das genaue Gegenteil davon. Die psychoanalytischen Anschauungen hatten sich an die falsch überlieferten Erziehungsbilder angeglichen. In Wirklichkeit bot sich uns in der sexuellen Erziehung nicht die Alternative "sexuell oder asketisch", sondern "natürlich-gesundes oder pervers-neurotisches Geschlechtsleben". Die "Sexualverdrängung ist sozialökonomischen und nicht biologischen Ursprungs". Sie bildet die Grundlage der autoritär-patriarchalischen Kultur und der wirtschaftlichen Sklaverei. Die Urzeit war geprägt von natürlichen Gesetzen im Geschlechtsleben sowie einer natürlichen Sozialität. Tausende Jahre patriarchaler Kultur schufen schließlich die sekundäre, kranke Sexualität des heutigen Menschen, genährt durch die Energie der unterdrückten Sexualität. 

Zwangsmoralische Verbote sollten die asozialen Triebe in Schach halten. Ein Lebewesen, das seine biologischen Grundgesetze leugnen muss, gerät zwangsläufig in irrationale Raserei. Der so geschaffene Kulturmensch funktioniert in mehreren Schichten. Die oberflächliche Maske der Selbstbeherrschung verdeckt das Unbewusste, in dem Habgier, Sadismus, Neid und Perversionen aller Art brodeln. Bewusst werden diese Abgründe meist nur als Gefühle der inneren Leere. Noch tiefer liegt der unbewusste und gefürchtete biologische Kern der natürlichen Lebensfreude und Liebesfähigkeit, der jeder autoritären Herrschaft und Erziehung zutiefst widerspricht. 

Wie "gut" oder "böse" der Mensch ist, hängt ausschließlich davon ab, ob die geschaffenen, gesellschaftlichen Einrichtungen im Einklang mit den biologischen Grundbedürfnissen des Menschen stehen oder nicht. Die Menschen selbst tragen für die soziale und individuelle Ökonomie der biologischen Energie Verantwortung. Sie haben es sich jedoch zur Gewohnheit gemacht, mit Begeisterung jegliche Verantwortung auf Führer und Politiker abzuschieben, da sie sich selbst und ihre Institutionen nicht mehr begreifen, sondern fürchten. So ist der gepanzerte Mensch im Grunde zu einem hilflosen, freiheitsunfähigen und autoritätssüchtigen Wesen geworden, das auf die Befehle anderer wartet. Auf diese Weise entstand der perfekte Nährboden für Diktaturen und faschistische Systeme wie Hitlers Nationalsozialismus, wo die Charakterneurose und Katastrophe der seelischen Pest mit ganzer Kraft durchbrach. 

Der Nationalsozialismus war nicht das Werk einer gestörten Persönlichkeit, sondern "Ausdruck des tragischen menschlichen Widerspruchs zwischen Freiheitssehnsucht und Freiheitsangst". Freiheit zu predigen, ohne weder die wirklichen sozialen Voraussetzungen dafür zu schaffen, noch für die freiheitliche Verantwortungsfähigkeit zu kämpfen, führt zu Faschismus. 

Als sexualökonomische Maßnahmen gegen faschistische Tendenzen muss das Sexualinteresse der Masse im gesunden Sinne bewusst gemacht und unterstützt werden. Wohnungsbau für alle und andere notwendige Voraussetzungen sollen geschaffen werden, um ein gesundes, befriedigendes und ungestörtes Geschlechtserleben zu ermöglichen. Außerdem darf die Sexualbefriedigung nicht mit der Fortpflanzung identisch sein. Sexuelle Gesundheit benötigt unbedingt Empfängnisverhütungsmittel. Einrichtungen zur Behandlung sexueller Störungen müssen zur Verfügung stehen. Eine rationale, liebesbejahende Sexualerziehung soll gefördert werden.

Nachdem ich in einer Zeitschrift einen Beitrag über die Sexualaufklärung publiziert hatte, tauchten Gerüchte auf, dass ich mit meinen Patienten Sexualverkehr hätte und meine Kinder beim Beischlaf... mehr erfahren »
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Kapitel 7: Eine missglückte biologische Revolution

Nachdem ich in einer Zeitschrift einen Beitrag über die Sexualaufklärung publiziert hatte, tauchten Gerüchte auf, dass ich mit meinen Patienten Sexualverkehr hätte und meine Kinder beim Beischlaf zuschauen ließe. Es zeigten sich die typischen Reaktionen sexuell verunglückter Menschen auf den Kampf Gesunder um Liebesglück. Keine einzige Organisation vertrat das natürliche Lebensglück. Ich war sehr bemüht, die Diskussion von der persönlichen auf eine sachliche Ebene zu heben. Tausende Menschen kamen in meine Versammlungen, um Antworten auf ihre sozial-sexuellen Fragen zu erhalten: 

Wie oft darf man geschlechtlich verkehren? Ist Onanie schädlich? Bricht bei der Einführung der sexuellen Freiheit nicht ein Chaos aus? Warum ist das Sexuelle verboten? Was soll ich tun, wenn ich keine Lust auf den Geschlechtsakt habe? Mein drei Jahre altes Kind spielt immer mit dem Glied. Ist das schlimm? etc. ...

In der Bevölkerung waren etwa 60 bis 80 % schwer neurotisch erkrankt. Diese Zahlen forderten umfassende gesellschaftliche Maßnahmen zur Neurosenverhütung. Folgende Fragen verlangten nach einer Antwort:

Wohin wird die psychoanalytische Theorie und Therapie am Ende führen?
Kann man noch länger bei den Neurosen einzelner Menschen stehen bleiben, wenn sich die gesamte Menschheit als seelisch krank erweist?
Welchen Platz muss die psychoanalytische Bewegung im gesellschaftlichen Getriebe einnehmen - Stichwort seelische bzw. sexuelle Ökonomie?
Und schließlich die Frage nach dem "Warum?": Weshalb produziert die Gesellschaft diese Neurosenmasse?

Die Beseitigung der Massenneurose konnte nur durch die Zerstörung der Ursachen erreicht werden. Worin lagen nun die Quellen dieser Seuche? Vordergründig waren sie in der autoritären, sexualverdrängenden Familienerziehung zu finden. Diese Art der Erziehung hatte unabwendbar einen sexuellen Kind-Eltern Konflikt sowie die Genitalangst zur Folge. Die elterliche Unterdrückung der kindlichen und jugendlichen Sexualität geschah jedoch unbewusst und im Auftrage der mechanisierten, autoritären Gesellschaft. Den Kindern wird der Weg zu einer gesunden Lebenstätigkeit durch Askese und teilweise reduzierte Arbeitstätigkeit versperrt. Gleichzeitig ist ihre Bindung an die Eltern durch Schuldgefühl und Hilflosigkeit geprägt. Auf diese Weise erzogen, reproduzieren die Kinder die seelischen Erkrankungen wiederum in den eigenen Kindern. So pflanzen sich die kranken Muster von Generation zu Generation fort. 

Für die Produktion der Massenneurose waren mehrere Hauptetappen ausschlaggebend. In der frühen Kindheit prägten die verfrühte Reinlichkeitserziehung und die stille Wohlerzogenheit die kindliche Entwicklung. Die "Artigkeit" dieser Phase war die Vorbereitung für das Onanieverbot der Pubertät. Das Problem der Pubertät ist gesellschaftlich und nicht biologisch begründet und wird auch nicht durch den kindlichen Elternkonflikt ausgelöst. Die Askeseforderung sollte die Jugendlichen ehefähig machen. Erreicht wurde genau das Gegenteil. Die "anerzogene" sexuelle Impotenz zerstörte die Ehen. Sexuelle Vollwertigkeit wirkt sich dagegen positiv auf eine glückliche Gestaltung der Ehe aus. In der Ehe vermischen sich sexuelle und wirtschaftliche Bedürfnisse. Diese Bedürfnisse bilden oftmals einen Widerspruch und können nur befristet von einem Partner befriedigt werden. 

Pubertät ist vordergründig Sexualreifung und nichts anderes. Die von ästhetischen Psychologen formulierte "Kulturpubertät" halte ich für Geschwätz. In der Jugend wird die nächste Stufe der Zivilisation angestrebt. Deshalb kommt es zum notwendigen Konflikt mit der Elterngeneration, die am Bestehenden festhalten möchte, auch aus Resignation über die eigenen nicht erfüllten Ziele. 

Man warf mir vor, eine Utopie schaffen zu wollen, die nur die Lust im Sinne hatte. Das ist unrichtig. Die Fähigkeit, Glück annehmen zu können und die Fähigkeit, Unlust und Schmerz zu ertragen, ohne in die Erstarrung zu flüchten, gehören zusammen. Lust und Lebensfreude sind ohne Kampf und ohne schmerzhafte Erfahrungen nicht denkbar. 

Es liegt nicht direkt in der Absicht der geschlechtlichen Unordnung, seelisches Elend zu verursachen, doch beides ist untrennbar miteinander verbunden. Die Zwangsfamilie und die Zwangsehe bilden die menschliche Struktur des seelisch und wirtschaftlich mechanisierten Zeitalters. Vom sexualhygienischen Standpunkt aus betrachtet ist diese Ordnung grundfalsch. Biologisch gesehen benötigt ein gesunder menschlicher Organismus 3.000 bis 4.000 Geschlechtsakte im Laufe seines Lebens. Aufgrund des geforderten moralischen Asketentums entstehen Sexualstörungen und Schwängerungsängste. Der Koitus interruptus als Methode der Schwangerschaftsverhütung erzeugt Nervosität und sexuelle Stauungen. 

Zusätzlich erschwert die Wohnungsnot die Möglichkeiten einer physiologisch korrekten Befriedigung. Erst wenn den Menschen keine Existenzsorgen plagen, wird er die Lust genießen können. Den Neurosen ernsthaft vorzubeugen, würde daher eine radikale Umgestaltung von allem bedeuten, was die Neurosen erzeugt. Darin begründet sich die Vermeidung der Diskussion einer Neurosenprophylaxe. Niemand wollte diese Tatsachen hören und ebenso niemand konnte sie leugnen. In der Psychoanalyse beschritt man den versöhnlichen Weg der Sublimierungs- und Triebverzichtstheorie. Man nahm die Stauungsangsttheorie zurück, ließ die Lehre des Todestriebes aufblühen und sprach von der normalen Entwicklung beim Menschen vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip. 

Damals herrschte die Meinung, dass sich die Wissenschaft mit dem "Sein" und die Politik mit dem "Soll" beschäftigen, eine Vermischung war unerwünscht. Wissenschaftliche Feststellungen durften keine Ziele vorgeben. Jede politische Richtung konnte damit anfangen, was sie wollte. Darin liegt der Irrtum, denn in Wirklichkeit liegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen weltanschauliche Voraussetzungen zugrunde. Jede neue wissenschaftliche Formulierung hat auch praktisch-soziale Konsequenzen. Deswegen ist die praktische Fragestellung von so großer Bedeutung. Der große Spalt zwischen abstrakt-logischem und funktionell-naturwissenschaftlichem Denken wurde zu jener Zeit offensichtlich. 

Ich wehrte mich gegen Freuds unpolitischen Standpunkt. Es müsste doch das Ziel einer praktischen Volkspolitik sein, den Arbeitsprozess zu demokratisieren und für kulturelles und sexuelles Lebensglück zu sorgen. Betrachtet man Romane, Dichtungen, Filme, etc., scheint sich alles um das Sexuelle zu drehen, von der realen Verleugnung bis zur ideellen Bejahung. Die gesamte Menschheit träumte offensichtlich vom Liebesglück, warum sollte man diesen Lebenstraum nicht erfüllen können? Freud resignierte zu diesem Thema. Seiner Meinung nach war das Glück des Menschen nicht im Schöpfungsplan enthalten. Es zeigte sich als plötzliche Befriedigung aufgestauter Bedürfnisse und konnte naturgemäß nur ein episodisches Phänomen darstellen. Es war leichter, zu behaupten, die Erreichung des Glücks widerspräche den gesellschaftlichen Einrichtungen, als die Glück zerstörenden Einrichtungen selbst zu kritisieren. Außerdem hätte Freud auch die Lehren von Todestrieb und Wiederholungszwang aufgeben müssen. Er schien seinen eigenen Widerspruch jedoch zu fühlen und antwortete mir einmal, dass ich entweder unrecht hätte oder bald das schwere Los der Psychoanalyse alleine tragen werde. Ich hatte recht und es traf so ein, wie er es vorhergesagt hatte. 

In der analytischen Pädagogik und Therapie bemühte man sich, die verdrängten Sexualtriebe aufzudecken. Doch die Frage stellte sich, was mit den befreiten Trieben geschehen sollte. Die analytische Antwort bestand darin, die Triebe zu verurteilen und zu sublimieren. Aber was passiert mit der natürlichen, befreiten Genitalität? Sollte sie auch verdrängt werden? Freud hatte in seiner ärztlichen Praxis die Menschen als unzuverlässige, bösartige Wesen erlebt. Er lebte schließlich abgeschlossen von der Welt und hatte sich eine gewisse skeptische, verachtende Sichtweise des Menschen angeeignet. Wissenschaftliche Erkenntnisse bedeuteten ihm mehr als das menschliche Glück. Er baute darauf, das menschliche Leiden zu verringern, indem man die Triebregungen beherrscht, sie im extremsten Fall sogar abtötet. 

Für mich stand jedoch fest, dass "die Lebens- und Lustsehnsucht des Menschen nicht zu bändigen war". Hingegen konnte man die gesellschaftliche Unordnung des Sexuallebens beseitigen. Ich erkannte das Böse und Unsoziale im Menschen als neurotischen Mechanismus. Die Menschen waren aufgrund ihrer Lebensumstände so geworden und konnten auch anders sein. Es war notwendig, die natürlichen Glücksbedürfnisse von den durch die Zwangserziehung erzeugten, asozialen Antrieben zu unterscheiden. Diese sogenannten sekundären Triebe mussten moralisch gebremst werden, die natürlichen Lustbedürfnisse sollten jedoch frei ausgelebt werden können. 

Zuerst galt es, das biologische Wesen des Glücksstrebens zu erfassen und danach dessen soziale Durchführbarkeit zu ergründen. Das Leben spielt sich immer unter definierten sozialen und natürlichen Voraussetzungen ab. Die Sexualpolitik stellte den Kern der Kulturpolitik dar und musste von flachen sexualreformerischen Bestrebungen und pornografischer Mentalität gereinigt werden. In der Gesellschaft präsentierte sich die Sexualversagung als erforderlicher Bestandteil der Kulturbildung. Aus meiner klinischen Praxis heraus war ich hingegen überzeugt, dass der sexuell vollwertige Mensch auch kulturell produktiver ist. 

Mir wurde klar, dass die Unterdrückung kindlicher und jugendlicher Sexualität den Eltern die autoritäre Haltung gegenüber ihren Kindern erleichtern sollte. Wenn die sexualfeindliche Strukturbildung das eigentliche unbewusste Ziel der Pädagogik darstellte, konnte die analytische Pädagogik nicht mehr ohne die Festlegung der gesellschaftlichen Erziehungsziele diskutiert werden. Die Erziehung arbeitet zugunsten der jeweiligen gesellschaftlichen Ordnung. Widerspricht diese Ordnung den kindlichen Interessen, wird das Wohl des Kindes als Erziehungsziel den gesellschaftlich-politischen Interessen geopfert. Die Erziehung wird sich selbst untreu oder täuscht nur vor, das Wohl des Kindes zu vertreten. 

Es ist weitaus schwieriger gegen die Neurosenseuche als gegen die Pest anzukämpfen, da bei der Pest weder Profit- noch Gefühlsinteressen verletzt wurden. Sich auf mangelnde, materielle Mittel zu berufen, ist eine Ausrede. Mit der Summe, die in einer Kriegswoche verschleudert wird, könnte man die hygienischen Bedürfnisse von Millionen befriedigen. 

Malinowsky beschrieb 1929 in seinem Hauptwerk " Das Geschlechtsleben der Wilden" die gesellschaftliche und nicht biologische Herkunft der Sexualverdrängung. Seine ethnosoziologischen Studien führten ihn zu den Trobriandern in den Südseeinseln. Dort bestimmte der Bruder der Mutter die Erziehung und der Vater nahm gegenüber seinen Kindern eine rein freundschaftliche Position ein. In dieser Sippe existierten weder Ödipuskomplex noch Sexualverdrängung oder Sexualgeheimnis. Die Sexualität konnte sich durch alle Lebensstufen frei und vollständig entfalten. Trotzdem oder besser ausgedrückt genau deswegen gab es in dieser Gemeinschaft keine sexuellen Perversionen, keine funktionellen Geisteskrankheiten und keine Psychoneurosen. In der Sprache fand sich nicht einmal ein Wort für Diebstahl. Onanie und Homosexualität wurden als unvollkommene Mittel der sexuellen Befriedigung betrachtet. Die gesellschaftliche Form des Geschlechtslebens war die zwanglose, freiwillige Einehe, welche jederzeit ohne Probleme aufgelöst werden konnte. 

Nur einige Meilen von den Trobrianderinseln entfernt lebte ein Volk mit patriarchalem Familiensystem. Diese Menschen zeigten alle europäisch vertrauten neurotischen Züge: Angst, Misstrauen, Selbstmorde und Perversionen, um nur einige zu nennen. Am Stand des natürlichen Liebeslebens lässt sich direkt die Mentalhygiene der Bevölkerung ablesen. Jugendliche mit einer natürlichen sexuellen Entwicklung wiesen zwischen dem sechsten und dem zwölften Lebensjahr keine Latenzzeit auf. Für diese Behauptung war ich von den Analytikern angegriffen worden. Nun lieferten die Trobrianderkinder den Beweis dafür. Die Latenzzeit war keine biologische Tatsache, sondern ein kulturelles Kunstprodukt.

Entgegen der vorherrschenden psychoanalytischen Meinung stellte die Sexualverdrängung nicht die Voraussetzung für Sozialität und kulturelle Anpassung dar, sondern das genaue Gegenteil davon. Die psychoanalytischen Anschauungen hatten sich an die falsch überlieferten Erziehungsbilder angeglichen. In Wirklichkeit bot sich uns in der sexuellen Erziehung nicht die Alternative "sexuell oder asketisch", sondern "natürlich-gesundes oder pervers-neurotisches Geschlechtsleben". Die "Sexualverdrängung ist sozialökonomischen und nicht biologischen Ursprungs". Sie bildet die Grundlage der autoritär-patriarchalischen Kultur und der wirtschaftlichen Sklaverei. Die Urzeit war geprägt von natürlichen Gesetzen im Geschlechtsleben sowie einer natürlichen Sozialität. Tausende Jahre patriarchaler Kultur schufen schließlich die sekundäre, kranke Sexualität des heutigen Menschen, genährt durch die Energie der unterdrückten Sexualität. 

Zwangsmoralische Verbote sollten die asozialen Triebe in Schach halten. Ein Lebewesen, das seine biologischen Grundgesetze leugnen muss, gerät zwangsläufig in irrationale Raserei. Der so geschaffene Kulturmensch funktioniert in mehreren Schichten. Die oberflächliche Maske der Selbstbeherrschung verdeckt das Unbewusste, in dem Habgier, Sadismus, Neid und Perversionen aller Art brodeln. Bewusst werden diese Abgründe meist nur als Gefühle der inneren Leere. Noch tiefer liegt der unbewusste und gefürchtete biologische Kern der natürlichen Lebensfreude und Liebesfähigkeit, der jeder autoritären Herrschaft und Erziehung zutiefst widerspricht. 

Wie "gut" oder "böse" der Mensch ist, hängt ausschließlich davon ab, ob die geschaffenen, gesellschaftlichen Einrichtungen im Einklang mit den biologischen Grundbedürfnissen des Menschen stehen oder nicht. Die Menschen selbst tragen für die soziale und individuelle Ökonomie der biologischen Energie Verantwortung. Sie haben es sich jedoch zur Gewohnheit gemacht, mit Begeisterung jegliche Verantwortung auf Führer und Politiker abzuschieben, da sie sich selbst und ihre Institutionen nicht mehr begreifen, sondern fürchten. So ist der gepanzerte Mensch im Grunde zu einem hilflosen, freiheitsunfähigen und autoritätssüchtigen Wesen geworden, das auf die Befehle anderer wartet. Auf diese Weise entstand der perfekte Nährboden für Diktaturen und faschistische Systeme wie Hitlers Nationalsozialismus, wo die Charakterneurose und Katastrophe der seelischen Pest mit ganzer Kraft durchbrach. 

Der Nationalsozialismus war nicht das Werk einer gestörten Persönlichkeit, sondern "Ausdruck des tragischen menschlichen Widerspruchs zwischen Freiheitssehnsucht und Freiheitsangst". Freiheit zu predigen, ohne weder die wirklichen sozialen Voraussetzungen dafür zu schaffen, noch für die freiheitliche Verantwortungsfähigkeit zu kämpfen, führt zu Faschismus. 

Als sexualökonomische Maßnahmen gegen faschistische Tendenzen muss das Sexualinteresse der Masse im gesunden Sinne bewusst gemacht und unterstützt werden. Wohnungsbau für alle und andere notwendige Voraussetzungen sollen geschaffen werden, um ein gesundes, befriedigendes und ungestörtes Geschlechtserleben zu ermöglichen. Außerdem darf die Sexualbefriedigung nicht mit der Fortpflanzung identisch sein. Sexuelle Gesundheit benötigt unbedingt Empfängnisverhütungsmittel. Einrichtungen zur Behandlung sexueller Störungen müssen zur Verfügung stehen. Eine rationale, liebesbejahende Sexualerziehung soll gefördert werden.

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